Grundschule 1978

Im Rückblick – was bleibt, außer der Erinnerung? Eine Narbe, weil ich als Kind im Waschraum habe stehen, weil ich meinen Apfel bis auf den Stiel hatte aufessen müssen? Manchmal denke ich, dass ich die Erinnerung kultiviere, so wie ich viele Erinnerungen aufhebe, ob bedeutend oder nicht, weil sie einfach da sind.

Können Erinnerungen nicht auch einfach wahllose Bruchstücke aus dem Steinbruch namens Hirn sein, in dem nichts verloren geht? Nicht jedes Bild, jedes Erlebnis hat eine Bedeutung. Das Bild ist einfach da, und wenn wir versuchen, diesem Bild eine Bedeutung zu geben, blasen wir die Erinnerung vielleicht auch über Gebühr auf.

Es gibt schlimmere Erzählungen von Kindern als meine. Könnte sein, dass es mir nicht zusteht, meine Erlebnisse so herauszustellen und zu behaupten, sie hätten mich für mein Leben geprägt. Mir hat mal jemand gesagt, es bräuchte für eine nachhaltige Traumatisierung nicht das eine große Ereignis. Es würden diese Mikrotraumata reichen, die andauernden Nörgeleien der Mutter, die Abwesenheit des Vaters in bestimmten Situationen. Kann sein.

Aber manchmal denke ich, dass mir in die Wiege gelegt wurde, mich nur an die schlechten Dinge im Leben zu erinnern, und die guten Momente nicht wertzuschätzen.

Was bleibt also von den Jahren 1978/79? Trauma Kur oder vielleicht, mit etwas Mühe, auch wieder der schöne Moment der Einschulung. Ich habe wenige Bilder aus der Zeit, aber vielleicht kann ich mich mit meiner Schultüte ansehen und versuchen, mit diesem Bild die Erinnerung an die Kur zu überlagern.

Oder auch nicht.

Demütigend

Posted: June 16, 2021 in Uncategorized

Ich habe seit Jahren die Tendenz, mich an die negativen Dinge in meinem Leben zu erinnern. Was ich gesagt und getan habe. Dann krümme ich mich vor Scham und Reue und denke: Mein Gott, hättest du bloß was anderes gesagt oder getan. Wie ich in der 6. Klasse beim Vier-Ecken-Raten die Lösung in den Klassenraum rief, obwohl ich längst wieder an meinem Platz gesessen hatte (“Wie heißt die lateinische Vorsilbe für gegen?” – Ich rief laut “anti” und verkroch mich unmittelbar darauf verschämt und erschrocken und mit hochrotem Kopf unter dem Tisch).

In Erinnerung ist mir lange Zeit geblieben, dass ich mich beim Spielen im Garten des Kindererholungsheimes nicht getraut hatte zu fragen, ob ich auf Toilette gehen dürfte. Die Türen waren abgeschlossen und wir waren (glaube ich) ermahnt worden, vorher auf Klo zu gehen. Und so verkniff ich mir den Drang. So lange, bis ich es nicht mehr aushielt und viel zu spät fragte. Auf dem Weg in die Toilette hatte ich dem Drang schon nachgegeben. Und es war kein kleines Geschäft gewesen. Es war mir so peinlich und unangenehm und ich war viel zu lange damit beschäftigt, mit Toilettenpapier das Malheur zu beseitigen.

Eine Erinnerung, die mich noch viele Jahre danach wie ein Flashback einholte und dazu brachte, die Augen zusammenzukneifen und mich in Grund und Boden zu schämen.

Mangelnde Unterstützung

Posted: November 22, 2019 in Erinnerungen

Rückblickend hat mir, obwohl ich mir dessen erst jetzt und langsam bewusst werde, wohl die mangelnde Unterstützung meiner Eltern weh getan. Ich wurde nicht missbraucht, nicht gefoltert, nicht geschlagen, aber dennoch war es ein traumatisches Erlebnis für mich. Aber meine Eltern haben sich nicht weiter darum geschert. Auf der Rückfahrt brauchte ich, sehr eingeschüchtert, ein paar Hundert Kilometer zwischen mir und dem Heim, bevor ich anfing zu erzählen, aber mein Vater sagte, um zurückzufahren sei es jetzt zu spät. Später hieß es, ich hätte mir das wohl nur eingebildet und es sei doch längst nicht so schlimm gewesen. Naja…

Eine Überraschung: Gestern fragte mich meine Mutter ganz zufällig, ob ich noch Erinnerungen hätte an den Kuraufenthalt früher. Sie habe eine Reportage im NDR gesehen, die Kinder seien doch schlecht behandelt worden in diesen Kurhäusern. Ob ich denn auch schlecht behandelt worden sei. Und als ich das bejahte, meinte sie doch tatsächlich, ich hätte damals aber nichts gesagt.

Natürlich hatten mein Bruder und ich uns auf dem Heimweg beklagt, aber erst auf halbem Weg von Wiesbaden nach Schleswig-Holstein. Im alten Simca Chrysler, den mein Vater von seiner Schwester bekommen hatte und der ein paar Monate später durchgerostet auf dem Schrottplatz landete.

Ich hatte mich darüber beschwert, dass ich stundenlang barfuß oder halbnackt in kalten Waschräumen ausharren musste. Dass meine Briefe zensiert worden waren. Dass es die Hölle geween war. Aber mein Vater hatte nicht mehr zurückfahren wollen. Weil wir ja schon auf halbem Weg nach Hause gewesen waren.

Ich erinnere mich noch an die Rückfahrt. Sommertag. Ich klemmte ein Stück Wellpappe, dass ich aus dem Taunus mitgenommen hatte, zwischen Fensterscheibe und Türrahmen. Es knatterte so schön. Mit der Pappe war ein Kristallteller eingewickelt gewesen, den ich am Rhein in einem Souvenirladen für meine Eltern gekauft hatte. Es knatterte so schön und meine Eltern sagten: War doch nicht so schlimm.

https://m.spiegel.de/geschichte/verschickungskinder-misshandlung-im-ferienheim-a-1297086.html

Nehmt Abschied, Brüder…

Posted: October 30, 2016 in Uncategorized

Trauma? Nostalgie? Ein Lied kann eine Krücke sein… Nach all den Jahren (bald sind’s 40) ist mir ein Lied, das wir auf Kur gesungen haben, noch immer unvergesslich. “Auld Lang Syne” oder zu deutsch: Nehmt Abschied, Brüder. 

Wir haben es mehr als einmal abends gesungen, und wann immer ich es höre, muss ich an den Speisesaal (oder war es der Aufenthaltsraum?) denken. Die traurige Grundstimmung des Liedes passte wunderbar zu meiner Stimmung, doch der wahre Sinn der Worte wird mir erst jetzt deutlich.

“Nehmt Abschied, Brüder, ungewiß
Ist alle Wiederkehr,
Die Zukunft liegt in Finsternis
Und macht das Herz uns schwer.”

Wie kann man kleine Kinder mit einem so deprimierenden Lied foltern? In dem das Heimweh in jeder Zeile steckt? Es ist Ausdruck von bitterstem Sarkasmus, null Empathie und einem geradezu menschenverachtendem Zynismus.

Ich musste aus gegebenem Anlass daran denken und habe die Geschichte vor ein paar Tagen erneut in kleiner Runde erzählt: Kurz nach meiner Ankunft gab es bei einem Abendbrot einen Apfel als Nachtisch. Ein Junge an meinem Tisch lehnte lächelnd ab. Ich mochte Äpfel, vielleicht hatte ich auch noch Hunger, weil das Abendbrot nicht so üppig gewesen war, also griff ich zu.

Der erste Bissen sollte mir jedoch beinahe im Hals stecken bleiben, denn kaum hatte ich zu essen begonnen, verkündete die Erzieherin, wir müssten den Apfel ganz aufessen. Und ganz bedeutete: inklusive Kerngehäuse. Nur den Stiel durften wir beiseite legen. Nun ist ein Kerngehäuse nichts, was bleibende Schäden hervorruft, wenn man es isst. Aber die beinahe sadistische Schadenfreude der Erzieherinnen und die widerliche Konsequenz, mit der diese unnötige Erziehungsmaßnahme umgesetzt wurde, hat mir den Aufenthalt in diesem Heim von Anfang an vergiftet.

Ich bin beim Google auf diese Sonderseite der FAZ anlässlich der Maueröffnung Bildschirmfoto 2015-07-02 um 17.19.341989 gestoßen. Auf Seite 2 steht ein Bericht über das zu einem Auffanglager umfunktionierte Haus Taunusfreude. Interessant, vor allem die für mich doppeldeutige Überschrift. 😉 Immerhin war es dann zu dem Zeitpunkt tatsächlich ein Ort der Freude.

Fotos gesucht

Posted: November 15, 2013 in Allgemeines

Meine Eltern haben damals keine Fotos gemacht. Falls es jemanden gibt, der Bilder vom Heim aus der Zeit seines Aufenthaltes hat – ich würde sie gerne hier veröffentlichen.

Vor Kurzem fragte anlässlich der Veröffentlichung des neuen Asterix-Bandes “Asterix bei den Pikten” die

SZ nach der Lieblingserinnerung an Asterix.

Auch mit meinem Aufenthalt im Taunus verbinde ich eine Erinnerung an Asterix: Die große Überfahrt. Mein Vater hatte mir damals Asterix als Lesestoff gegeben, und ich war mit einigen Ausgaben vertraut. “Die große Überfahrt” jedoch kannte ich nicht. Eines Tages machten wir Mittagsschlaf. Der Leidensgenossen auf der Liege neben mir las diesen Band heimlich unter der Decke, und ich warf immerzu verstohlende Blicke hinüber, voller Angst, von der strengen Aufseherin erwischt zu werden.

“Augen zu”, wiederholte sie monoton und machte ihre Runden durch die Bettreihen. Der Junge ließ mich tatsächlich einen kurzen Blick in den Band werfen, bevor er erwischt wurde und zur Strafe in den Waschraum musste. Danach wurde der Comic eingezogen. Asterix und Obelix im Ruderboot, das mit den kulinarischen Köstlichkeiten der Piraten vollgestopf war – dieses Bild ging mir jahrelang nicht mehr aus dem Sinn, hielt mich gefangen, blieb eine unerfüllte Sehnsucht nach einem Lückenschluss.

Erst viele Jahre später las ich den gesamten Band. Dieses Bild vom Boot zu finden und in einen Kontext zu stellen war wie eine Erlösung, ein fehlendes Puzzlestück.

Nachts im Schlafsaal

Posted: August 31, 2013 in Allgemeines

Ich teilte mir den Schlafraum mit sieben anderen Kindern. Je vier Betten standen auf einer Seite des Zimmers. Weiße Bettwäsche mit zartrosa und hellblauen Streifen, die nach Stärke roch. Die Betten bestanden aus Stahlrohr, die Matratzen lagen auf Sprungfederrahmen, die bei jeder Bewegung quietschten wie ein rostiger Ritter.

Eines Abends, nachdem meine Lieblingsbetreuerin, die jüngste im Team aller Betreuerinnen und vermutlich aus diesem Grund weniger streng als die anderen, mir noch auf “Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt” vorgelesen hatte, wurde das Licht ausgemacht und wir hatten still zu sein.  Durch die angelehnte Tür zum Flur schimmerte neongelbes Licht.

Einer meiner Zimmergenossen hatte an diesem Abend Probleme, einzuschlafen und wälzte sich unruhig in seinem Bett von einer Seite auf die andere. Die Metallfedern quietschten. Eine der älteren Betreuerinnen erschien in der hellen Tür wie ein Serienmörder in einem amerikanischen Horrorfilm. Nur ihre Umrisse waren zu sehen.

“Ist hier bald Ruhe?”, rief sie. “Ihr sollt schlafen.”

Kein Mucks, niemand rührte sich. Sie verschwand, die Tür blieb offen.

Kurz darauf drehte sich der andere Junge wieder unruhig von einer Seite auf die andere. Irgendjemand zischte ein “Leise” durch die Dunkelheit. Keine drei Sekunden später platzte die Betreuerin wieder durch die Tür in unser Schlafzimmer. Sie rannte an meinem Bett vorbei zielstrebig zu dem Jungen mit dem fatalen Einschlafproblem und riss seine Decke weg.

“Los, aufstehen”, fauchte sie. ich weiß nicht, was ihn ritt, vielleicht war es einfach menschlich, die Angst vor den Konsequenzen und ein Selbsterhaltungstrieb – er richtete sich auf, zeigte mit dem Finger auf mich und rief:. “Ich war das nicht, er war es!”

Diesmal kannte die Betreuerin kein Erbarmen. Auch meine flehentlich hervorgestammelten Beteuerungen, ich sei es nicht gewesen, konnten sie nicht davon abbringen, mich mitsamt meiner Decke aus dem Schlafzimmer zu schleppen und in den Waschraum zu verfrachten. Dort musste ich, die Decke um mich gewickelt, eine Stunde lang stehen. Der Saum hing bis auf den dreckigen, nassen Boden und war, als ich schließlich wieder in mein Bett durfte, völlig durchweicht.

Es blieb bei dem einmaligen Erlebnis. Aber ich weiß nicht, bei wem es einen bleibenderen Eindruck hinterließ: bei mir oder dem Jungen mit den Einschlafproblemen.